Myofunktionelle Störungen: Effektive Übungen für Erwachsene
Bei einer myofunktionellen Störung kann die Zunge beim Schlucken gegen oder zwischen die Zähne drücken. Das geschieht oft unbewusst: Erwachsene schlucken ungefähr 1.000 bis 2.000 Mal am Tag.

Wiederholt sich dabei ein ungünstiges Bewegungsmuster, wirkt die Zunge dauerhaft auf Zähne und Kiefer ein. Gezielte Übungen bei myofunktioneller Störung für Erwachsene sollen deshalb vor allem die Zungenruhelage und den Schluckablauf verändern.
Ein Übungsprogramm lässt sich nicht zuverlässig nach einer allgemeinen Vorlage zusammenstellen. Entscheidend sind die Befunde: Zungenbeweglichkeit, Lippenschluss, Schluckmuster und gegebenenfalls die Lautbildung. Übungen zu Hause können eine logopädische Behandlung unterstützen. Die Auswahl und der Fortschritt sollten jedoch an der individuellen Diagnostik ausgerichtet sein.
Die Mechanik des Schluckens: Wo die Belastung entsteht
Beim physiologischen Schlucken liegt die Zunge in einer geeigneten Position am Gaumen und bewegt den Bissen koordiniert nach hinten. Beim viszeralen Schluckmuster drückt sie dagegen gegen die Zahnreihen oder schiebt sich zwischen die Zähne. Wird dieses Muster häufig wiederholt, kann es die Zahnstellung und die Kieferentwicklung beeinflussen. Als mögliche Folge gilt unter anderem ein offener Biss.
In der Fachliteratur wird die kumulierte Kraft des Zungenpressens mit bis zu vier Tonnen pro Tag beziffert. Diese Zahl beschreibt die Summe der wiederholten Einwirkungen, nicht einen einzelnen Druckstoß. Sie ist daher kein individueller Messwert und sagt allein nichts darüber aus, wie stark eine konkrete Fehlfunktion ausgeprägt ist.
Auch die Beschwerden sind nicht bei allen Erwachsenen gleich. Manche bemerken vor allem eine auffällige Zungenposition beim Schlucken. Bei anderen stehen Mundatmung, ein unzureichender Lippenschluss, Zahnfehlstellungen oder Schwierigkeiten bei Zischlauten wie /s/ und /sch/ im Vordergrund. Ein Übungsplan muss diese Unterschiede berücksichtigen.
Die Häufigkeit des Schluckens macht den Alltag zum Trainingsfeld: Entscheidend ist, welche Zungenbewegung sich dort wiederholt.
Bewegungslernen statt bloßem Krafttraining
Die Mund- und Gesichtsmuskulatur zu stärken, klingt zunächst plausibel. Für die myofunktionelle Therapie reicht Kraftaufbau jedoch nicht als Ziel. Eine kräftigere Zunge führt nicht automatisch zu einer passenden Ruhelage oder zu einem physiologischen Schluckmuster. Im Mittelpunkt steht die Koordination: Die richtige Bewegung muss erkannt, kontrolliert ausgeführt und später ohne bewusste Anstrengung abgerufen werden.
Deshalb verbindet die Therapie gezielte Bewegungsübungen mit sensorischem Lernen. Die Patientin oder der Patient soll wahrnehmen, wo die Zungenspitze liegt, wie die Lippen geschlossen bleiben und ob beim Schlucken Druck auf die Zähne entsteht. Spiegelkontrolle oder eine kurze Rückmeldung durch die Therapeutin können helfen, die Bewegung zunächst sichtbar und überprüfbar zu machen. Mit der Zeit wird die äußere Kontrolle reduziert.
Das betrifft auch das sogenannte Tip-to-Spot-Prinzip: Die Zungenspitze wird an einen festgelegten Punkt am vorderen Gaumen geführt. Dabei geht es nicht um möglichst viel Druck. Relevant sind die genaue Position, eine kontrollierte Bewegung und die Fähigkeit, sie wiederholt gleich auszuführen. Koordinative Übungen können eine kurze Haltephase von etwa zwei Sekunden vorsehen; Dauer und Wiederholungszahl hängen vom individuellen Therapieplan ab.
Bei Erwachsenen mit zusätzlicher Lautbildungsstörung muss die Therapie außerdem die Verbindung zwischen Zungenbewegung und Lautproduktion berücksichtigen. Für Fälle, in denen neben dem Schlucken auch Zischlaute betroffen sind, kommen spezifische Ansätze wie das sTArs-Konzept ergänzend infrage. Welche Methode passt, ergibt sich aus dem Befund.
Übungen für die Zungenruhelage
Die Zungenruhelage ist ein zentraler Ausgangspunkt. Die Zunge soll im Alltag nicht zwischen den Zähnen liegen oder fortlaufend gegen sie drücken. Die folgenden Übungen beschreiben typische Elemente der Therapie. Sie ersetzen keine individuelle Anleitung, besonders wenn Schmerzen, deutliche Bewegungseinschränkungen oder ein komplexes Schluckproblem bestehen.
Zungenspitze zum Gaumenpunkt führen
Die Zungenspitze wird an den individuell bestimmten Punkt am vorderen Gaumen geführt. Die Position kurz halten und anschließend lösen. Wichtig ist, dass der Kiefer dabei möglichst ruhig bleibt und die Zähne nicht durch kräftiges Zusammenbeißen als Hilfe dienen. Wird die Zunge dabei nach vorn gegen die Schneidezähne gedrückt, ist die Bewegung zu korrigieren.
Zunge kontrolliert heben und senken
Die Zunge wird langsam angehoben und wieder abgesenkt, ohne dass der Kopf mitbewegt wird. Die Bewegung soll klein und präzise bleiben. Wer die Zungenspitze kaum vom Mundboden lösen kann, sollte die Schwierigkeit nicht durch mehr Kraft kompensieren. In der Therapie lässt sich klären, ob Beweglichkeit, Wahrnehmung oder Koordination begrenzt sind.
Lippen schließen und lösen
Ein sicherer Lippenschluss kann die Nasenatmung und die orale Ruheposition unterstützen. Die Lippen werden sanft geschlossen und wieder gelöst. Eine Lippenpresse sollte nicht zu einem verkrampften Zusammenpressen werden; auch die Kiefermuskulatur muss dabei nicht angespannt sein. Als Variation kann die Lippenform zwischen lockerem Verschluss und Kussmund wechseln.
Zunge seitlich bewegen
Die Zunge wird kontrolliert von einer Mundseite zur anderen geführt. Der Unterkiefer bleibt möglichst stabil. Die Bewegung lässt sich zunächst mit kurzen Haltephasen ausführen. Wenn die Zunge ausweicht oder der Kiefer deutlich mitarbeitet, ist eine geringere Bewegungsweite sinnvoller als ein erzwungener Ausschlag.
Diese Übungen trainieren einzelne Komponenten. Sie korrigieren ein Schluckmuster nicht automatisch. Der Transfer muss gezielt folgen: erst eine Bewegung kontrolliert ausführen, dann in eine vollständige Schlucksequenz einbauen und schließlich in Alltagssituationen anwenden.
Das Schluckmuster im Alltag korrigieren
Beim Üben eines Schluckablaufs geht es darum, die Zungenbewegung zu beobachten und die Zunge beim Schlucken nicht gegen oder zwischen die Zähne zu schieben. Eine logopädische Fachkraft kann das Schluckscreening nutzen, um den Ablauf zu beurteilen und passende Rückmeldungen zu geben. Eigenständiges Üben ohne Korrektur kann ein fehlerhaftes Muster ebenso festigen wie ein passendes.
Der Transfer erfolgt schrittweise. Zunächst wird der Ablauf bewusst und in einer ruhigen Situation geübt. Danach wird er auf weitere Situationen übertragen, etwa auf das Trinken oder das Schlucken von Speichel. Erst wenn die Bewegung kontrolliert gelingt, kann sie häufiger in den Tagesablauf integriert werden. Dabei zählt die Qualität der Ausführung stärker als eine hohe Zahl mechanischer Wiederholungen.
Für die myofunktionelle Therapie zu Hause gilt: Regelmäßigkeit ist Teil des Behandlungskonzepts, aber die wöchentliche Therapiesitzung allein reicht typischerweise nicht aus. Die Übungen zwischen den Terminen helfen, die Bewegungsabfolge zu stabilisieren. Wie oft und in welchem Umfang geübt wird, sollte die behandelnde Fachkraft festlegen. Bei Schmerzen im Kiefer oder deutlicher Überlastung ist eine Anpassung erforderlich, kein zusätzliches Krafttraining.
Bei Zischlautproblemen kommt eine weitere Ebene hinzu. Die Zungenposition beim Schlucken und die Zungenführung bei der Lautbildung müssen aufeinander abgestimmt werden. Ein isoliertes Schlucktraining löst eine Lautbildungsstörung nicht zwangsläufig. In solchen Fällen braucht es Übungen, die den jeweiligen Laut und seine Übertragung in die Alltagssprache berücksichtigen.
Therapieverlauf und Kriterien für den Abschluss
Etablierte Übungskonzepte sehen häufig eine Intensivphase von etwa 25 bis 35 Therapieeinheiten vor, in der Regel einmal pro Woche. Das ist ein Richtwert, keine Garantie für eine bestimmte Dauer. Ausgangsbefund, Mitarbeit, häusliches Üben und zusätzliche Probleme wie Sigmatismus beeinflussen den Verlauf.
Der Therapieabschluss orientiert sich an beobachtbaren Fähigkeiten. Ein Kriterium in etablierten Konzepten ist, dass im Schluckscreening mehr als 80 Prozent der Schluckabläufe korrekt ausgeführt werden und die Lautbildung im Alltag stabil gelingt. Ein einzelner erfolgreicher Versuch genügt dafür nicht. Entscheidend ist, ob die Bewegung wiederholt und in relevanten Alltagssituationen gelingt.
Die myofunktionelle Therapie begleitet bei Bedarf auch eine kieferorthopädische Behandlung. Sie ersetzt eine Zahnspange nicht. Ihr funktioneller Beitrag liegt darin, ein ungünstiges Bewegungsmuster zu verändern und damit das Risiko zu verringern, dass die Zunge nach einer Korrektur weiterhin belastend auf die Zahnreihen einwirkt.
Für Erwachsene ist die entscheidende Frage deshalb nicht, wie viele Übungen auf einem Merkblatt stehen. Entscheidend ist, ob die passende Bewegung diagnostisch bestimmt, kontrolliert eingeübt und in den Alltag übertragen wird. Wer die Zungenruhelage trainieren oder das Schluckmuster korrigieren möchte, sollte den Übungsplan mit einer qualifizierten logopädischen Fachkraft abstimmen und Fortschritte anhand konkreter Kriterien überprüfen lassen.